• Miriam Strasser

Short Story: Eine Krise im August

Updated: Apr 19


Ist ein verlorener Mensch verloren,

weil er glaubt einen Grund zu brauchen, den er nicht finden kann?

Dieser Mensch konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Grund einfach

jederzeit austauschbar, jederzeit frei wählbar, sein könnte.

Es schien jenem Menschen zu banal.


Dieser Mensch konnte sich nicht damit abfinden, eine Banalität zu sein.

Ihm schien es ungemein wichtig, einen guten Grund für seine Existenz zu haben.

Dieser Mensch brauchte einen guten Grund, um leben zu dürfen.


Viele Menschen brauchen Gründe.

Manche Menschen wählen die Gründe anderer Menschen.

Manchen Menschen scheint das zu banal.

Sie wollen ihren ganz einzigartigen, originellen, eigenen Grund, um leben zu dürfen.


Dieser Mensch war so ein Mensch.

Es gab noch andere Menschen, doch dieser Mensch war so einer,

welcher unbedingt seinen eigenen Grund zum Leben brauchte.

Das “Warum?” war diesem Menschen so wichtig, dass er sich aufmachte es zu suchen.


So wurde er zu einem Menschen, der geht,

wie auch viele andere Menschen es bereits geworden waren.

Dieser Mensch ging also immer weiter, ohne je Halt zu machen.

Wenn sein Körper nicht in Bewegung war, war sein Geist es immer noch

– dieser wanderte beständig weiter, auch wenn der Körper schlief,

so wanderte der Geist im Traum weiter.


Es wanderte dieser Mensch also unaufhörlich, entweder im Außen oder im Innen.

Entweder durch die Welt oder durch sich selbst.

Es gab kein Anhalten.

Je mehr dieser Mensch schlief, desto mehr wanderte er durch sich selbst;

je mehr dieser Mensch sich bewegte, desto mehr wanderte er durch die Welt.

Dieser Mensch schlief manchmal gar nicht.


Beim Gehen lernte dieser Mensch, monatelang ohne Schlaf auszukommen.

Sein Geist begann dadurch zu rasen

und diesem Menschen drohte, verrückt zu werden,

seinen Verstand zu verlieren und ein Gefangener seines Körpers zu werden.

Doch dann lernte dieser Mensch im Gehen zu träumen.


Er lernte zu träumen ohne zu schlafen.

Dies war seine Rettung gewesen.

Durch das Träumen konnte dieser Mensch erkennen, dass er sehr krank war.

Dieser Mensch wanderte träumend durch die Welt,

auf der Suche nach seiner Heilung.

Träumend und wandernd begriff er, dass er die Heilung nicht in dieser Welt finden würde.


Dieser Mensch begriff, dass er endlich schlafen müsse,

um ganz tief in sich selbst zu gehen und die Heilung seiner Krankheit zu finden.

Also legte dieser Mensch seinen, seit Jahren wandernden, Körper nieder

und suchte den Schlaf zu finden.

Sein Körper war es nicht mehr gewohnt in Ruhe zu sein.

Eine innere Bewegtheit kam über ihn,

innere Unruhe schwappte gegen seinen ruhenden Körper,

sodass ihm direkt körperlich schlecht wurde.


Dieser Mensch fühlte sich seekrank.

Sein Geist raste, raste durch die Träume, um zu entkommen

doch es gab kein Entkommen.

Es gab keinen Ort mehr, alles löste sich auf, es gab keine Bilder mehr.

Da begriff dieser Mensch, dass Schlafen bedeutete, den Geist los zu lassen.


So fand er die Stille und das war seine Rettung,

denn beinahe hätte dieser Mensch sich selbst zugrunde gerichtet.

Nachdem sein Geist sich also erst in blankem Entsetzen aufgelehnt hatte,

aus Angst davor sich aufzulösen,

da konnte er endlich ganz loslassen

und fiel seit vielen Jahren zum ersten mal in tiefen Schlaf.


Wie lange der Kampf des Einschlafens gebraucht hatte?

Wohl Monate, doch die Zeit hatte sich für diesen Menschen längst aufgelöst.

Es gab kein Bezugssystem mehr.

Dieser Mensch schlief viele Jahre und begann dabei zu träumen.

Doch dies war ein anderes Träumen.


Es gab dabei nichts zu beobachten.

Dieser Mensch wanderte dabei nicht, er träumte sich.

Ein unendlicher Raum tat sich auf.

Dieser Mensch war der Raum.

Dieses träumen war ein sich erweitern.

Ein sich manifestieren.

Ein Sein.


Ein Grenzen definieren?

Mit dieser Frage erwachte sein Geist.

Sein Geist erhob sich und begann seine Wanderung durch diesen Raum,

durch diesen Menschen.

Dann erkannte sein Geist, es sei an der Zeit zu erwachen.


Dies war seine Rettung, denn beinahe hatte der Geist vergessen gehabt,

dass es auch noch etwas anderes gab, als zu träumen

und so hätte dieser Mensch wohl ewig geschlafen.


Als dieser Mensch erwachte, erklärte ihm sein Geist, er sei ein ganzes Universum

und damit dieses Universum existieren könne,

brauche es einen Zyklus,

damit es Balance geben könne.

Dieser Mensch brachte also Tag und Nacht in sein Universum

und so tanzten Licht und Schatten zwischen hellster Wachheit und tiefstem Schlaf.


Dieser Mensch hatte endlich seinen Grund gefunden:

Er war ein Universum, so trug er die Verantwortung für viele Formen des Lebens,

die den stabilen Wechsel aus Licht und Schatten brauchten.

Dieser Mensch wusste um die Wichtigkeit der Träume.

Er wusste wie wichtig es war, zu träumen und zu Träumen.

Dieser Mensch wusste um die Wichtigkeit des Loslassens.

Deiser Mensch hatte keine Angst mehr, vor dem Tod.


Er war ein Universum und seine Krankheit war daher gekommen,

dass er voller schwarzer Löcher gewesen war.

So war es zu einem Ungleichgewicht in ihm gekommen.

Was diesen Menschen wieder in Balance gebracht hatte,

waren die Geburten gewesen.


Dieser Mensch hatte in sein Universum zahlreiche Galaxien,

Milchstraßen, Sterne und Kometen geboren.

So wurde sein Universum erfüllt mit Farbe, Form, Bewegung.

So weitete sich dieser Mensch.

So wurde dieser Mensch leichter.


In ihm tanzte es und das war gut, denn so hatte dieser Mensch seinen Grund gefunden.

Eines Tages dachte der Geist dieses Menschen:

“Wenn das Bewusstsein zu keinem Objekt hingeht, wenn es nichts zu sehen gibt,

nichts zu denken gibt, überall nur noch Leere ist,

dann stolpert man über sich selbst

und kommt bei sich selbst an.”


Da Begriff dieser Mensch, dass es nicht so sehr die Geburten der Galaxien waren,

die ihn geheilt hatten,

sondern das, was dazwischen lag: die Leere.

Nicht das, was sich bewegt, zu sehen und beschreibbar ist,

heilte, sondern das Unaussprechliche, inhaltslose

– das Sehen selbst heilte.

Es ist das, was den Raum aufmacht und alles ist dieser Raum,

auch Objekte und Bewegung.


Das Nichts ist Alles

und darin liegt der Friede und die Heilung.

So konnte dieser Mensch endlich beginnen, sich wirklich zu entspannen.


Dieser Mensch konnte leer sein und in der Leere Frieden finden.

Alles, was sich manifestierte, kam aus dieser Leere.



©Miriam Strasser


3 views0 comments

Recent Posts

See All